Honoré Daumier, "Actualités"

Kulturtechnik Imagination

Zeichnerische Praktiken und Dynamiken sozialen Imaginierens in illustrierten Printmedien der Moderne
Honoré Daumier, "Actualités"
Illustration: Lithographie in Le Charivari, 31. 01.1845, BnF.

Wir sind eine interdisziplinäre Nachwuchsforschungsgruppe, die sich im Oktober 2024 konstituiert hat, mit fachlichen Verbindungen in die Kulturgeschichte, die Kunst- und Bildwissenschaften, die Literaturwissenschaften, die Geschichtswissenschaften, die Soziologie und die Wissenschafts- und Wissensgeschichte.

Aus interdisziplinärer und intermedialer Forschungsperspektive untersuchen wir die Imagination in ihrer Bedeutung als Kulturtechnik westeuropäischer Gesellschaften der Moderne. Imagination verstehen wir als sinnlich vermitteltes, erfahrenes, erlerntes, habitualisiertes Können. Dieses erforschen wir aus dem Quellenmaterial illustrierter Printmedien des langen 19. Jahrhunderts, in seinen Praxisbezügen und im Blick auf die zugrundeliegenden epistemischen, gesellschaftlichen, medialen und künstlerisch-literarischen Bedingungen. Der empirische Fokus unserer Arbeit liegt auf zeichnerischen Praktiken und Dynamiken sozialen Imaginierens im breiten Untersuchungsfeld von Karikatur, illustrierter Journalliteratur und populären Wissenschaftszeitschriften der Moderne. Besonders fokussieren wir die Beziehung von Bild und Text in Prozessen sozialen Imaginierens. Den größeren Kontext unserer empirischen Arbeit bildet eine visuelle Epistemologie des Sozialen, die ein Bedingungsverhältnis zwischen Imagination und Gesellschaft, zwischen Bild und Wissen annimmt. Im Zentrum der gemeinsamen Arbeit in der Nachwuchsforschungsgruppe steht die Hypothese einer qualitativen Veränderung des Imaginierens in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, in der sich die Imagination als soziale Praxis erstmals breitenwirksam mit (populär)künstlerischen Darstellungen verbindet. Dabei erforschen wir, wie im frühen 19. Jahrhundert soziale Vorstellungen durch bildlich-zeichnerische Darstellungen Form gewannen, wie sie zu kunstvollen und gleichsam sozialen Formen imaginierten Wissens wurden, in denen wir uns durch das spätere 19., das gesamte 20. und noch hinein in das 21. Jahrhundert verstehend bewegen; wie reale Lebensumstände fiktiv überprägt wurden und insofern von einer Eigendynamik ästhetischer Darstellungsweisen in den Praktiken sozialen Imaginierens gesprochen werden kann; schließlich, ob und wie geistes-, kultur- und sozialwissenschaftliche Begriffs- und Theoriebildung im Kontext des sozialen Imaginären davon beeinflusst wurden.

Unsere Nachwuchsforschungsgruppe ist Teil der Exzellenzcluster-Initiative „Imaginamics. Praktiken und Dynamiken sozialen Imaginierens“ und mit dem Graduiertenkolleg „Practices and Dynamics in Social Imagining“ verbunden.

Zoom Meeting NFG

Foto: Adriana Markantonatos

Wenn Sie Interesse an der Arbeit unserer Nachwuchforschungsgruppe haben, freuen wir uns, wenn Sie mit uns in Kontakt treten.

Aktuelles

CfP: „Figuren, Typen und Bilder des Sozialen: Praktiken sozialen Imaginierens in Wissens- und Wissenschaftsgeschichte“, interdisziplinärer Workshop der NFG „Kulturtechnik Imagination“ in Kooperation mit der Erfurter Professur für Wissenschaftsgeschichte und der Jenaer Professur für Kulturgeschichte, Universität Erfurt, 20.–21.11.2025. → Hier geht's zum Call for Papers (deadline: 02.05.2025)pdf, 124 kb

Mitglieder der Nachwuchsforschungsgruppe "Kulturtechnik Imagination"

  • Braun, Maxim, M. A., Wissenschaftlicher Mitarbeiter (Praedoc)

    Ludwig Richter, Holzschnitt (Ausschnitt)

    Foto: Gesammeltes. 15 Bilder für's Haus, 1869, MDZ

    Projekt: "Imaginationsprozesse des Märchenhaften: Intermediale Verflechtungen von Bild und Text in europäischen Publikationen des 19. Jahrhunderts"

    Maxim Braun ist Literatur- und Kulturwissenschaftler mit Forschungsschwerpunkt auf der europäischen Geschichte des Märchenhaften. In seinem Promotionsvorhaben untersucht er, inwiefern sich im Verlaufe des 19. Jahrhunderts ein Konzept der märchenhaften Imagination verdichtet. Das Projekt analysiert illustrierte Märchenpublikationen aus dem deutschsprachigen und europäischen Raum – von kanonischen Sammlungen, wie Grimms Kinder- und Hausmärchen, bis hin zu populären Kleinformen, wie illustrierten Zeitschriften und weit verbreiteten Bilderbogen oder "images d'Épinal". Dabei stehen sowohl produktionsästhetische Bedingungen als auch Rezeptionsprozesse im Fokus, um ein tieferes Verständnis der komplexen Interdependenzen zwischen märchenhafter Imagination und (kollektivem) sozialen Imaginieren zu gewinnen.

    Kontakt: maxim.braun@uni-jena.de

    Mehr erfahren
  • Köhler, Jasmin, Dr. des., Wissenschaftliche Mitarbeiterin (Postdoc)

    KoehlerHU2023

    Foto: Jasmin Köhler

    Projekt: "Literarische Imagination lebendiger, sozialer und artifizieller Taxonomien vom 18. Jahrhundert bis zur Gegenwart"

    Jasmin Köhler ist promovierte Literaturwissenschaftlerin mit Verbindung in die Soziologie, die Gender Studies und die Wissensgeschichte. Im aktuellen Teilschritt ihres Projekts untersucht sie die Wechselwirkungen zwischen populären Formen biowissenschaftlicher Taxonomie und literarischem Social Imagining in der illustrierten Journalliteratur des 19. Jahrhunderts, konkret etwa in der Großstadtethnografie und dem Ins-Bild-Setzen des Taxonomen in der Gelehrtensatire. Als Ausgangspunkt dient die Annahme, dass es gerade das spezifische Imaginierbarkeitsdefizit taxonomischer Ordnung ist, das literarische Imaginationskraft freisetzt, bild- und textgenerierend wirkt und so eine lustvolle, akribische, pedantische, satirische, programmatisch unabschließbare Literatur der Taxonomie hervorbringt.

    Kontakt: jasmin.koehler@uni-jena.de

    Mehr erfahren
  • Markantonatos, Adriana, Dr. phil., NFG-Leitung, Wissenschaftliche Mitarbeiterin (Postdoc)

    Honoré Daumier, Lithographie (Ausschnitt)

    Foto: La Caricature Provisoire, 16.06.1839, BnF

    Projekt: "Zeichnerische Praktiken sozialen Imaginierens im Kontext einer Visuellen Epistemologie des Sozialen zwischen Aufklärung und Moderne"

    Ich bin studierte Kulturwissenschaftlerin, promovierte Kunsthistorikerin und verstehe mich als Geisteswissenschaftlerin mit Wirkungsraum zwischen Universität, Archiv und Museum und Forschungsschwerpunkten im Bereich einer bild- und kunstsensiblen Wissens- und Wissenschaftsgeschichte/Intellectual History. Mein Forschungsprojekt verortet die Erforschung zeichnerischer Praktiken sozialen Imaginierens in illustrierten Printmedien der Moderne im größeren Kontext einer Visuellen Epistemologie des Sozialen, die die Geschichte der Suche nach und Formung von sozialem Denken und Wissen zwischen Aufklärung und Moderne untersucht, ausgehend vom französischen Kontext und mit dem Ziel einer transnationalen Intellectual History. Meine empirische Arbeit konzentriert sich auf enzyklopädische Werke, dt.-/engl.-/franz.-sprachige (illustrierte) Journalliteratur und auf die Kunstform der Karikatur, die ich als Wissensform erforsche. Einen weiteren Fokus bildet eine bild- und kunstsensible Erforschung des „sozialen Imaginären“ als transversale epistemische Kategorie in einer Verflechtungsgeschichte geistes-, kultur- und sozialwissenschaftlicher Theoriegenesen im 19. und 20. Jahrhundert.

    Kontakt: adriana.markantonatos@uni-jena.de

    Mehr erfahren
  • Norrman, John, M. A., Assoziiertes Mitglied (Praedoc)

    John Norrman

    Foto: John Norrman

    Project: "Kairos, Caricature and Crises: Imaginings of Critical Temporality in Illustrated Press during the European Revolutions of 1848/49"

    An historian informed by cultural studies, sociology and gender studies, I’m propelled by a curiosity for visual culture in illustrated mass media during moments of modernity signified by social crisis. My project investigates imaginings of crises in caricature and illustrated press during the revolutions of 1848/49 in Europe. Analyzing a trans-european yet socially diverse moment of crisis – spanning across industrializing to pre-industrial societies in the German and Scandinavian speaking world – I investigate how images combine representations of temporal "ephemeral" topicality and "eternal" permanence into constellations of a critical here-and-now (Jetztzeit). I will argue that the print medium of newspaper illustrations in Europe in 1848/49 politicizes this temporal contradiction in visual culture. By both revealing and seizing a crisis as a perceived opportunity for social change, it mediates a foundation for the collective imagining of critical time – a kairological crack in chronology – with implications for a theory on the temporality of practices of imagining.

    Mehr erfahren

Aktivitäten der Nachwuchsforschungsgruppe

  • Publikationen

    Publikation (bevorstehend) Aufklärung – eine soziale Imagination (Laboratorium Aufklärung), hrsg. von Daniel Fulda, Adriana Markantonatos und Samuel Strehle, erscheint 2025 im Wilhelm Fink Verlag München.

    Publikation (bevorstehend) Adriana Markantonatos, „Das Rätsel eines ‚sich‘ im Dazwischen der Enzyklopädien“, in: Aufklärung – eine soziale Imagination (Laboratorium Aufklärung), hrsg. von Daniel Fulda, Adriana Markantonatos und Samuel Strehle, München 2025.

    Publikation (bevorstehend) Jasmin Köhler, „Imaginings of Pacific Foodscapes in Georg Forsterʼs ‚Voyage Round the World‘“, in: Pazifik-Imaginationen / Pacific Imaginings. Limbus – Australisches Jahrbuch für germanistische Literatur- und Kulturwissenschaft / Australian Yearbook of German Literary and Cultural Studies. Bd. 18, 2025.

    Publikation Jasmin Köhler, Unendlicher Wirrwarr. Taxonomischer Ordnungswahn in Oskar Panizzas ‚Aus dem Tagebuch eines Hundes‘“Externer Link, in: Reihe „Letzte Sätze“ des Kulturwissenschaftlichen Instituts Essen, KWI-Blog, 24.02.2025.

    Publikation Adriana Markantonatos, „Social Complexity and Artful Complicity in Early Parisian Caricature Journals (ca. 1835–1850)“, in: Ethnography, Folklore, and Nineteenth-Century Print Culture (Wissenskulturen/Cultures of Knowledge, Bd. 2), hrsg. von Christiane Schwab et al., unter der Mitarbeit von Adriana Markantonatos, Bielefeld 2025, S. 21–41.

  • Vorträge

    Vortrag (bevorstehend) Maxim Braun und John Norrman präsentieren ihre Promotionsvorhaben im Graduiertenkolleg „Practices and Dynamics in Social Imagining“, Friedrich-Schiller-Universität Jena, 21.05.2025.

    Vortrag Maxim Braun, „Imaginationsprozesse im Zusammenspiel aus Bild und Text in europäischen Märchensammlungen des 19. Jahrhunderts“, Präsentation des Promotionsvorhabens im Doktoranden-Colloquium des Instituts für Germanistische Literaturwissenschaft von Prof. Alice Stasková und Prof. Gregor Streim, Friedrich-Schiller-Universität Jena, 22.01.2025.

    Vortrag Adriana Markantonatos, „Zeichnerische Praktiken und Dynamiken sozialen Imaginierens in Karikatur und illustrierter Journalliteratur“, Vortrag im Forschungskolloquium der Wissenschaftsgeschichte, Universität Erfurt, 21.01.2025.

    Vortrag Adriana Markantonatos, „Wissen(schaft)sgeschichtliche Überlegungen zur (Un)Sichtbarmachung der Aufklärung als soziale Imagination“, Vortrag anlässlich des Workshops „Aufklärung – Eine soziale Imagination und ihre Bildkraft“, Friedrich-Schiller-Universität Jena, 30.11.2023.

  • Workshops

    Workshop (bevorstehend) „Figuren, Typen und Bilder des Sozialen: Praktiken sozialen Imaginierens in Wissens- und Wissenschaftsgeschichte“, interdisziplinärer Workshop der NFG „Kulturtechnik Imagination“ in Kooperation mit der Erfurter Professur für Wissenschaftsgeschichte und der Jenaer Professur für Kulturgeschichte, Universität Erfurt, 20.–21.11.2025. Call for Paperspdf, 124 kb

    Workshop „Aufklärung – Eine soziale Imagination und ihre Bildkraft“, interdisziplinärer Workshop konzipiert und organisiert von Daniel Fulda, Adriana Markantonatos und Samuel Strehle, Friedrich-Schiller-Universität Jena, 30.11.–01.12.2023.

  • Ausstellungen

    Ausstellung „Ins Bild gesetzt. Publizistische Grafik und Gesellschaftswissen 1830–1850“, Ausstellung im Institut français München, kuratiert von Adriana Markantonatos, Frauke Ahrens und Christiane Schwab, 06.02.–13.03.2024.